Die Reise in ein „unentdecktes Land“
Nur aus dem Augenwinkel erhaschte ich einen Blick auf das, was die Anzeigetafel am Flughafen zu meinem Anschlussflug sagte: final destination – was so viel bedeutet wie Endstation.
Und unwillkürlich dachte ich an die Frage, wie die Endstation wohl für meine Mitreisenden aussieht. Hatten sie die Anzeigentafel auch gesehen? An was mögen sie gedacht haben? Glauben sie an ein Leben nach dem Tod?
Mit kam Shakespeare in den Sinn, der den Tod als „unentdecktes Land, aus dessen Grenzen kein Reisender je zurückgekehrt ist“, beschrieb.
Oder die alten Ägypter, die daran glaubten, dass die Seele den Körper verlässt und in das Königreich des Todes reist. Aus diesem Grund gaben sie ihren Königen Nahrung, Kleidung, Juwelen und sogar Sklaven mit für die Reise.
Oder in der „Odyssee“ Homers, die von einem ewigen Leben und Glück im Elysium berichtet. Die Wikinger dachten an Walhalla, wo sie nach dem Tod tagsüber glorreiche Schlachten schlagen würden und bei Nacht die Siege feiern. Während die Indianer von ewigen Jagdgründen ausgingen, reich an Wild und Bisons.
Die Regelung des Lebens nach dem Tod ist eine Schlüsselfrage für jede Religion. Buddhisten und Hindus glauben an die Reinkarnation. Und Christen leben nach dem Versprechen Christi auf ein ewiges Leben nach dem Tod, begründet in der Auferstehung Christi selbst.
Und irgendwie ist die Vorstellung der Gegenposition, das „Wenn wir tot sind, sind wir tot“, auch wenig warm oder behaglich. Um mit Woody Allen zu sprechen: „Ich will durch meine Arbeit keine Unsterblichkeit erlangen. Ich möchte unsterblich sein, indem ich nicht sterbe. Und ich will nicht in den Herzen meiner Landsleute weiterleben. Ich will in meinem Appartement weiterleben.“
Umfragen zeigen, dass mehr als 80 % aller Deutschen an irgendeine Form von „Leben nach dem Tod“ glauben. Auch die, die mit Kirche und Religion nichts zu tun haben, glauben daran, nach dem Tod irgendwie mit ihrer Familie und Freunden wieder vereint zu sein.
Natürlich gibt es auch die, die davon ausgehen, dass mit dem Ende der irdischen Existenz alles zu Ende ist und dass mit dem Tod unseres Körpers nichts mehr existiert. Nach dieser Lesart ist alles andere Traumtänzerei.
Oder Sie betrachten das Thema wie der angelsächsische Vikar, der auf die Frage, was er von dem Moment erwarte, wenn er dereinst vor der Himmelspforte stünde: „ Nun, ich glaube an das ewige Leben, wenn es so weit ist, aber ich würde mir wünschen, wir könnten über weniger deprimierende Themen sprechen.“
Und einen wissenschaftlichen Beweis für ein Leben nach dem Tod haben wir nicht – trotz aller Nahtod-Erfahrungsberichte und aller Beschreibungen über Frieden und weißes Licht und dem Tunnel, aus dem die Betroffenen dann doch wieder zurückgekehrt sind, um uns davon zu berichten.
Vielleicht liegt ja die wahre Antwort darin, uns weniger auf metaphysische Spekulationen oder Glaubenskämpfe zu konzentrieren als vielmehr auf das Leben VOR dem Tod.
Ein Freund hat mich vor einiger Zeit mit der alten Frage konfrontiert: Stell dir vor, du hättest nur noch sechs Tage zu leben, was würdest du tun? Vielleicht hätte er gerne gehört, ob ich lieber eine Reise in die Südsee unternommen hätte oder doch zum Tiefseetauchen aufbrechen würde. Aber meine Antwort war anders, als er es sich vorgestellt hatte. Ich sagte ihm, dass mich dieses Wissen vermutlich so bedrücken würde, dass ich an rein gar nichts mehr Freude haben würde.
Darauf veränderte er die Frage: „Okay, dann sagen wir, du wirst von einem Bus erfasst. Du bist tot. Was bedauerst du am meisten nicht getan zu haben?“
Ja, das IST eine provokative Frage.
Der Tod erinnert uns daran, dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist. Dass sie Tag für Tag weniger wird und darum umso kostbarer ist. Er rückt Dinge in eine ganz neue Perspektive und er bewegt uns.
Was ist Ihr Plan für das optimale Leben?
Was sind Ihre größten Träume und Hoffnungen?
Verfolgen Sie sie oder heben Sie sie für später auf?
Der Tod ist ein Mahner, dass der Sinn unserer Existenz nicht nur darin besteht zu überleben, sondern darin, das Leben in seiner Fülle zu leben. Die echte Herausforderung des Lebens besteht darin, unsere Zeit auf Erden und die Freiheit, zu tun, was wir wirklich wollen, zu nutzen – und dabei zu erkennen, wer wir wirklich sind.
Das ist nicht immer einfach. Es gehört Mut dazu. Denn die meisten von uns leben unter der stetigen Vermeidung des Themas Tod. Aber wovor verstecken wir uns eigentlich? Nur dann, wenn wir uns der eigenen Endlichkeit bewusst werden, können wir auch herausfinden, was uns wirklich wichtig ist im Leben. Der Tod priorisiert die Dinge, besonders wenn man älter wird. Und er fordert uns gleichzeitig auf, uns mit der Vergänglichkeit von materiellen Dingen auseinanderzusetzen.
Den Tod zu akzeptieren, anstatt ihn zu leugnen, kann zu einer radikalen Veränderung der eigenen Lebensperspektive führen. In den Momenten erkennen wir, wie wichtig es ist zu leben, anstatt darüber zu jammern, was man alles verpasst hat. Und wir erkennen den Wert der Arbeit, der Familie, des Glaubens und der Gemeinschaft neu.
Über den eigenen Tod nachzudenken hilft auch, Gleichmut zu entwickeln und schlussendlich auch das eigene unabwendbare Schicksal zu akzeptieren. Gleichmut ist eine Qualität erwachsener und reflektierender Menschen. So wie es Mark Twain formulierte: „Ich fürchte den Tod nicht. Ich war schon viele Millionen Jahre tot, bevor ich geboren wurde, und es hat mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten bereitet.“
Sich auf den Tod vorzubereiten dient nicht allein der Frage, was man wem hinterlassen will. Nein, der Gedanke an unsere eigene Vergänglichkeit sollte uns motivieren, uns mit anderen auszutauschen, als Ratgeber aktiv zu sein, Dinge auszusprechen, zu sagen, was wir wirklich denken, und jeden Tag dafür dankbar zu sein, dass wir leben. Nur wenn wir den Tod in unsere Betrachtung mit einbinden, können wir JA zum Leben sagen!
Manchmal konfrontiert uns das Leben unerwartet und unvorbereitet mit dem Sterben naher Angehöriger. Nur Zeit heilt diese Wunde, und in dieser Zeit ist die Frage nach dem „unbekannten Land“ besonders aktiv. Aber auch andere Fragen werden laut und lauter: Bin ich ein guter Vater? Bruder? Freund? Sohn? Eine gute Tochter? Ein gutes Mitglied der Gesellschaft? Handele ich nach ethischen Gesichtspunkten und nutze ich meine Fähigkeiten, Talente und meine Begabungen? Lebe ich mein Leben in Fülle?
Ich denke, jeder kann diese Fragen für sich beantworten. Aber erst dann vollkommen ehrlich und in aller Tiefe, wenn wir uns unserer eigenen Sterblichkeit und Endlichkeit bewusst geworden sind.
Und wenn Sie so weit sind, dann DANKEN Sie dem Tod. Warum? Weil er Ihnen hilft, Ihre Wahlmöglichkeiten glasklar zu erkennen.
