Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

„Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

2. Korinther 12, 8–10

In welcher Welt lebt wohl einer, der so etwas sagt? Ein Träumer oder ein Spinner muss das sein, wenn er noch nicht verstanden hat, dass Macht, Einfluss und Berühmtheit und nicht zuletzt natürlich Geld die Welt regiert. Niemand kann sich stark fühlen, wenn er schwach ist, wenn er im Abseits steht und klein und jämmerlich am Bildrand entlangschleicht.

Die Starken, Mächtigen, Erfolgreichen sind es, die den Blick der Öffentlichkeit auf sich ziehen. Da wird eine Frau zur wichtigsten Frau des Jahres gewählt, weil sie öfter als alle anderen in den Medien genannt wird! Eine starke Frau! Aber: Ist sie das wirklich?

Wer wild entschlossen versucht, aus eigener Kraft seine Ziele zu erreichen und seine Wünsche zu befriedigen, stellt Gott leider viel zu oft ins Abseits.

Mag sein, dass es aus Selbstschutz geschieht. Denn wer (wenn nicht Gott) wüsste, dass hinter all der perfekten Fassade und der augenscheinlichen Stärke nicht mindestens ebenso viele schwache Momente lauern? Wer außer Gott sieht, wie viel Einsamkeit, Trauer und Angst sich hinter all dem Glanz und Glitter verbirgt? Und allein Gott weiß, wie sehr ein Mensch leidet, der sich weigert, verwundbar zu sein.

Denn sich unverwundbar und stark machen bedeutet auch, kein Risiko einzugehen. Nicht im Großen und nicht im Kleinen. Nicht zu Hause und nicht am Arbeitsplatz. Nicht in der Liebe und nicht bei Freundschaften. Denn jedes Risiko birgt die Gefahr, Schwäche zu zeigen.

Also entwickeln starke Menschen ein ganzes Repertoire an Techniken, die ihnen die Sicherheit geben, auch weiterhin aus der vermeintlichen Position der Stärke zu argumentieren. Sie haben auf jeden Angriff einen Konter parat und verhindern so jede Form der Annäherung. Sie beherrschen die Streitkunst und sind rhetorisch oftmals überlegen. Und wenn sie sehr viel zu verstecken haben, dann begleitet sie eine Aura von Ironie und Zynismus. Die feinen Waffen der Selbstverteidigung.

Schwäche verboten – eine Illusion, die auf Dauer zerstörend und entkräftend ist

Vielleicht lädt Gott uns darum an so vielen Stellen der Heiligen Schrift ein, den Weg der Schwäche zu wählen und ihn zu gehen – allein durch unseren Glauben. Möge Gott auch diejenigen aus ihrer selbst gewählten Sklaverei befreien, die Stärke immer noch wie ein Schutzschild vor sich hertragen. Möge er uns befreien und uns helfen, wir selbst zu sein. Und möge er uns anleiten, dass das Anerkennen unserer Schwachheit und Unzulänglichkeit die Tür zu göttlichen Möglichkeiten öffnet, die weit über unserer stärksten Vorstellungskraft liegen.