Warum die Mitte des Lebens keine Krise ist, sondern eine Chance, Neues zu beginnen

„Er hat meine Kraft auf dem Weg gebrochen, er hat meine Tage verkürzt. Darum sage ich: Raff mich nicht weg in der Mitte des Lebens, mein Gott, dessen Jahre Geschlecht um Geschlecht überdauern!“

Psalm 102, 24–25

balanceDieser Psalm ist das Gebet eines Unglücklichen. Eines Menschen, der verzweifelt ist und vor dem Herrn seine Sorge ausschüttet. Lesen Sie den ganzen Psalm, wenn Sie Zeit dazu haben. Aber bitte nur, wenn Sie heute gut drauf sind. Keine Sekunde mit dem Leben hadern und mit Ihrem Leben, so wie es ist, und dem Alter, in dem Sie ihm gerade begegnen, rundum glücklich sind.

Denn manche Texte der Bibel können an ohnehin schwierigen Tagen noch das Tröpfchen Wasser sein, das das Fass an Selbstmitleid oder Lebenskrise zum Überlaufen bringt. Andere Bibelstellen sind wie ein starker Espresso: anregend, aufregend und alles andere als deprimierend. Und es gibt sogar einige Bücher, die regelrecht motivierend und erheiternd wirken.

Aber dieser Psalm hat es in sich. Denn er zeigt einen Menschen in Not. Einen Menschen, der Angst hat, weil er sieht, dass sein Leben endlich ist. Die Lebensmitte ist erreicht. Dieser Begriff ist heutzutage recht dehnbar. Wo setzen wir die Mitte an? Wenn die biologisch möglichen 120 Jahre die Grundlage unserer Berechnung sind, dann bei 60 Jahren. Wenn wir von im Schnitt 80 Jahren Lebenserwartung ausgehen, sind es schon die 40er, in denen wir die Mitte des Lebens platzieren.

Dieser Mensch, der hier Gott voller Verzweiflung bittet, er möge ihn noch nicht hinwegraffen, klingt, als hätte er noch etwas vor. Als hätte er noch Erwartungen und Ideen für sein Leben. Er fühlt sich zwar körperlich schlecht und beschreibt seine Glieder als vom Feuer verbrannt, sein Herz verdorrt und seinen Körper als Haut und Knochen. Seine Kraft ist gebrochen und seine Tage sind verkürzt.

Und dennoch blickt er in die Zukunft und hofft, dass sein Leben noch nicht zu Ende ist. Seine Ernüchterung über das, was ihm bisher im Leben widerfahren ist, mag deckungsgleich sein mit dem, was wir an Ernüchterung in unserem eigenen Glauben im Laufe des Lebens erfahren haben: Die Gemeinde, der Glauben selbst, unser Umgang mit uns und mit anderen, all das kann für uns dieselbe schmerzhafte Krise hervorrufen, die dieser klagende Mensch erlebt.

Vielleicht ist diese Krise gut, in die uns die Lebensmitte früher oder später hineinschickt. Vielleicht ist es gut, alles, auch den Glauben, infrage zu stellen. Die Art, wie wir glauben und was wir glauben. Und vielleicht ist es auch gut, neue Wege zu wagen und die Unruhe, die diese Zeit mit sich bringt, als Anregung zu sehen, nicht als Störung. Als Neuanfang zu begrüßen für das, was sein wird, und nicht nur als Abschied zu betrauern von dem, was war.

Auch wenn wir selbst auf dem Weg zu echtem Menschsein und einem Leben in Gottes Ewigkeit nur ein kleines Stück der Zeit erleben dürfen – der Blick den dieser Unglückliche aus Psalm 102 hat, geht weit über seine eigene Lebenszeit hinaus. Weil er weiß, dass sich jede Krise und jedes Zweifeln gelohnt hat, da er die nachfolgenden Generationen in Sicherheit wähnt, weil sie vor Gottes Antlitz bestehen. Eine schöne neue Aufgabe, die die Mitte des Lebens uns da schenkt. Was meinen Sie?