Auf der Jagd nach der Unsterblichkeit das Leben vergessen
Zum Erntedankfest sah Paula, eine Freundin der Familie, gut aus, schien lebensfroh und voller Zuversicht.
Heute ist sie sterbenskrank. Der Krebs hat ihr das Augenlicht genommen. Ein Gesichtshälfte ist gelähmt, und sie hat die zweite Runde der Chemotherapie abgelehnt.
Orientierungslos machte ich mich auf die Suche nach einer Karte, um ihr meine guten Wünsche zu übermitteln. Die Verkäuferin, der ich mein Problem schilderte, nickte wissend und führte mich zu den Karten unter der Rubrik „Hoffnung, Kraft und ernsthafte Krankheiten“.
Bei der Vorstellung, dass jede dieser Karten in eine hoffnungslose Situation gesendet und von noch hoffnungsloseren Menschen gelesen wird, musste ich schlucken.
Und ich erinnerte mich an den Satz des russischen Novellisten Vladimir Nabokov, der zu seiner Antrittsvorlesung an der Cornell-Universität, USA, gesagt hat, er wisse nur zwei Dinge ganz genau. Zum einen: Das Leben ist schön. Und zum anderen: Das Leben ist traurig. Und der Grund, warum es traurig ist, ist, weil es irgendwann zu Ende geht.
Der Tod, der ungebetene Gast, kann uns auch einen Gefallen erweisen. Denn er kann uns daran erinnern, was das Wichtigste im Leben ist.
Die meisten Menschen verbringen ihre Tage damit, wie der Hamster im Rad zu laufen, mehr oder weniger zu tun, was jeder tut und was getan werden muss, und verhalten sich so, als hätten wir dazu alle Zeit dieser Welt. Das geht so lange gut, bis wir unseren ganz persönlichen Weckruf erhalten. Sei es, dass ein naher Angehöriger einen Unfall hat, ein Freund schwer erkrankt oder der Nachbar einfach tot umfällt.
Uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden, muss nicht unbedingt in Angst und Schrecken enden. Es kann auch eine Chance sein, die Frage der Poetin Mary Oliver (1935 in Maple Heights, Ohio, US- amerikanische Schriftstellerin und Pulitzer-Preis-Trägerin) zu beantworten, die da lautet: „Sag mir, was du mit deinem einzigartigen, wilden und kostbaren Leben tun wirst.“
Wissen Sie es?
Oder sind Sie so beschäftigt mit Projekten, Terminen, Verantwortungen und Verpflichtungen, dass Sie bisher daran noch keinen Gedanken verschwenden konnten?
Während die Uhr tickt. Und sich dessen bewusst zu werden und zu sein ist ein Geschenk.
Vom Standpunkt der Ewigkeit aus betrachtet, sind wir auch nicht langlebiger als eine Eintagsfliege. Und viele verbringen ihre Zeit auch so. Sie jagen der Unsterblichkeit und ewigen Jugend hinterher, während sie nicht wissen, wie sie an einem verregneten Sonntagnachmittag die viele Zeit totschlagen sollen.
Der Tod ist nicht der größte Verlust, der uns treffen kann, der größte Verlust, den wir erleben, ist das, was in uns stirbt, während wir leben. So die Warnung von Norman Cousins (1915-1990, prominenter politischer Redakteur, Wissenschaftsjournalist, Autor und Friedensaktivist, gründete an der Universität von Los Angeles eine Abteilung für therapeutische Humorforschung).
Auch wenn die meisten von uns nicht mit dem unglaublichen Talent eines Da Vinci oder Beethoven zu Welt gekommen sind, der wahre Wert unseres Lebens liegt nicht in der Genialität. Sondern in dem, was wir sind und wie wir es sind. In der Anzahl der Menschen, die wir berühren und denen wir wissentlich oder unwissentlich fehlen, wenn wir einmal nicht mehr da sind. Wie der Novellist Forster bemerkt: „Der Tod zerstört einen Menschen, aber die Vorstellung zu sterben kann ihn retten.“
