Die zwei Gesichter der Kritik
Kritik muss man sich hart erarbeiten. Denn nur wer etwas tut, kann kritisiert werden. Und wer etwas mehr tut oder anders oder erfolgreicher als alle anderen, erntet besonders viel Kritik. Vor allen Dingen von denen, die sich eher zurückhalten mit ihren Taten. Und natürlich von denen, die ihr eigenes Tun bedroht sehen und fürchten, dass sie Aufmerksamkeit, Ruhm und Ehre verlieren.
Und es gibt die Kritik, die Sie selbst an andere richten, weil es zu Ihren Aufgaben gehört, Menschen zu führen und zu erziehen, oder weil Sie Verantwortung tragen. Wenn Sie selbst derjenige sind, der einen anderen Menschen kritisiert, dann ist auch die Form, in der Sie kritisieren, harte Arbeit. Oftmals brauchen Sie das dickere Fell als derjenige, der Ihre Kritik zu hören bekommt. Aber das ist den wenigsten Menschen auf den ersten Blick klar. Ebenso wenig, wie Ihre Kritik vermutlich auf Begeisterung stößt.
Aber eben nur auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen wird nämlich eines klar – und dann ist es gleich, aus welcher Perspektive Sie auf die Kritik sehen, als Kritisierter oder als Kritiker –, Kritik ist etwas sehr Positives. Immer vorausgesetzt, sie ist sachlich und konstruktiv. Denn wenn mich ein anderer Mensch kritisiert, dann unterstelle ich ihm zwei Dinge:
1. Er oder sie hat sich mit mir auseinandergesetzt. Er hat versucht zu verstehen oder nachzuvollziehen, was ich gedacht oder getan habe. Und einen Punkt entdeckt, an dem ich dieses Tun oder Denken verbessern kann.
2. Er oder sie will mir helfen, besser zu werden. Weil ich ihm oder ihr als Mensch wichtig bin. Vielleicht auch, weil es um meine Arbeit geht und die wichtig ist. Was auch immer der Grund ist, diese Kritik ist es wert, angehört und bedacht zu werden.
Besonders misstrauisch werde ich immer dann, wenn alles „supi“ ist. Denn dann ist alles gleich. Mir reicht das nicht, um zu wachsen. Und meinem Kritiker eigentlich auch nicht. Natürlich kenne ich auch die Sprichwörter wie: „Wenn du nichts Liebes sagen kannst, dann sei lieber still.“ Aber wenn eine aufbauende Kritik einem anderen Menschen hilft, dann ist Schweigen die Lieblosigkeit und es bedeutet Desinteresse.
Wenn Sie also das nächste Mal jemand kritisiert oder Sie einen anderen Menschen kritisieren müssen, gehen Sie mit dem Gefühl in diese Situation, dass Kritik der Wahrheitsfindung dient. Und dass ein anderer oftmals nur ausspricht, was Sie vielleicht selbst schon gedacht haben. Oder Sie für einen anderen aussprechen, was er selbst längst weiß.
Gehen Sie weise mit Kritik um
Die Kritik, die Sie erhalten, sollten Sie annehmen und prüfen, bevor Sie darauf eingehen. Und die, die Sie erteilen, sollte mit Wohlwollen ausgesprochen werden. Niemals aus Wut und niemals persönlich. Wenn Sie auf diese beiden Gesichter der Kritik achten, dann wird Ihnen Kritik plötzlich schöner vorkommen. Leichter und dankenswerter als jede Schmeichelei!
