Das Leben, das Sie retten können

Der Philosoph Peter Singer hat seinen Studenten einmal folgende Frage gestellt:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind auf dem Weg zur Arbeit und überqueren eine Brücke, die über einen kleinen Bach führt. Schon von weitem erkennen Sie ein kleines Mädchen, das droht, in diesem Bach, der nach einem langen Regen übervoll ist, zu ertrinken. Sie wissen, dass dieses Kind nicht spielt. Es kämpft um sein Leben. Niemand außer Ihnen ist zur Stelle. Würden Sie in diesen Bach springen, um das Leben des Kindes zu retten, auch wenn das bedeutet, Sie müssen noch mal nach Hause, sich frische Kleider anziehen und kommen dann garantiert zu spät zur Arbeit?“

Unruhe machte sich breit im Hörsaal und einige empörte Stimmen wurden laut: „Aber sicher. Das Leben eines Kindes ist doch wichtiger, als pünktlich zur Arbeit zu gehen.“

Singer setzte nach: „Nehmen wir einmal an, Sie haben Ihr teuerstes Paar Schuhe an. Würden Sie dann immer noch ins Wasser gehen für dieses unbekannte Kind und dabei Ihre neuen, teuren Schuhe ruinieren?“

„Was ist das für eine dumme Frage, die sie uns da stellen? Wer würde das Leben eines Kindes für ein paar Schuhe aufs Spiel setzen?“

Singer lächelte vielsagend und fuhr fort: „Erhalten Sie sich Ihre Wut bitte noch einen kleinen Moment, denn Sie werden sie noch brauchen!“

Und er fuhr fort: „Nach der neuesten Statistik der UNICEF (United Nations International Children’s Emergency Fund) sterben jedes Jahr 9,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren an einer vermeidbaren Krankheit. Das sind mehr als 1.100 Kinder jede Stunde jeden Tag.

Einiger dieser Kinder sterben, weil sie nicht genug zu essen haben, andere an Krankheiten wie Malaria oder Durchfall, die einfach zu behandeln wären. Das ist nicht nur eine unglaubliche Tragödie, sondern ebenfalls ein moralisches Versagen einer Welt, die so reich ist wie unsere.“


Der Bericht der Weltbank liefert Zahlen, nach denen 1,4 Milliarden Männer und Frauen weltweit derzeit von weniger als 1,63 Euro pro Tag existieren. Unter extremer Armut leben zu müssen bedeutet konkret:

… dass sie in einem unbefestigten Lehmhaus wohnen, das bei starkem Regen oder Sturm zusammenbricht.
… dass sie sich schlecht ernähren, keine Bildung haben, nichts zum Anziehen, keine sanitären Einrichtungen kennen und keine ärztliche Versorgung haben.
… dass sie oftmals nicht mehr als eine Mahlzeit am Tag habe und sich manchmal entscheiden müssen, ob sie den eigenen Hunger stillen oder den ihrer hungrigen Kinder.

Es bedeutet auch, dass sie verschmutztes Wasser trinken, das erst dann sicher ist, wenn sie es abgekocht haben, oder dass sie viele Kilometer bis zur nächsten Wasserstelle zurücklegen müssen,
Es bedeutet weiterhin, dass sie oder die Familie krank werden und kein Geld haben, einen Arzt oder Medikamente zu bezahlen. Sie müssen Geld leihen und dafür ihren Körper, ihre Kinder oder Organe verkaufen.
Und es bedeutet immer, tagein, tagaus, mit dem Gefühl zu leben, machtlos zu sein. Sich zu schämen und schäbig zu fühlen, weil sie sich und ihre Familien nicht schützen und ernähren können.

Wir im Westen, in den reichen Ländern, wir glauben, wir leben ein moralisch gutes Leben. Schließlich verletzen wir niemanden, leben nach den Gesetzen und zahlen unsere Steuern. Aber was tun wir dafür, das Leid anderer Menschen zu mildern?

Diese Frage ist nicht allein eine Frage der Moral, sondern eine Frage unseres Bewusstseins.

Den Armen zu geben ist einer der Grundgedanken jeder Religion. Die Juden haben in der Bedeutung des Wortes tzedakah – das unserem Begriff Barmherzigkeit entspricht – noch eine weitere Bedeutung: „Gerechtigkeit“.  Das macht klar, dass es nicht eine freie Wahl ist, mit den Armen zu teilen, sondern ein wesentlicher Bestandteil eines gerechten Lebens. Oder in anderen Worten: Der einzig legitime Weg, sein Leben richtig zu leben.

Die Bibel enthält Tausende solcher Bezüge zum Thema Armut. Und die Gedanken zum Thema „Teilen und Armut“ sind ein zentraler Bestandteil der christlichen Lehre. Jesus Christus selbst sagt in Matthäus 25, 45: „ Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“
Wir alle wissen, wie umstritten staatliche Hilfsprogramme sind, die oftmals einhergehen mit politischen Interessen und noch viel öfter am eigentlichen Ziel vorbei. Aber das entbindet uns doch nicht davon, eine Antwort auf die Frage zu suchen, ob es nicht möglich ist, das Leid und das Elend in der Welt zu reduzieren, ohne gleich ein Staatsinteresse damit zu verbinden. Und ohne die Befürchtung zu nähren, dass Spenden neue Abhängigkeiten schaffen.
Bewusstsein ist der erste Schritt auf dem Weg zur Hilfe. Und Handeln der entscheidende nächste Schritt – nutzen Sie daher den Tag und handeln Sie!


Informationen zu Peter Singer

Der Philosoph Peter Albert David Singer (* 6. Juli 1946 in Melbourne, Australien) ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Philosophen und Ethiker der Welt.

Singer hat in Oxford, an der New York University und der La Trobe University gelehrt und war von 1977 bis 1999 Professor für Philosophie an der Monash University in Melbourne, Australien. 1999 berief man ihn als Professor of Bioethics an das Center for Human Values der Princeton University. Sein auf dem Utilitarismus gründender Ansatz in der Bioethik versucht, eine universal gültige Moral zu begründen und anzuwenden.

Sein 1975 in englischer Sprache erschienenes Buch „Animal Liberation“ (Befreiung der Tiere) gilt als Grundstein der zeitgenössischen Diskussion über den moralischen Status von Tieren in der Tierrechtsbewegung; gemeinsam mit Tom Regan gilt Singer daher als Begründer der modernen Tierethik.

Peter Singer setzt sich sowohl für Tiere und deren Rechte als auch für Menschen und deren Rechte ein. Hierbei geht er unter anderem auf so weitreichende Probleme und Punkte wie Abbruch von Schwangerschaften, das Töten von Neugeborenen, Armut und die Lösung des Welthungers ein.

Einer von Singers wichtigen Termini ist der Speziesismus: das unterschiedliche Bewerten und Bevorzugen von verschiedenen Lebewesen anhand von deren Spezies – insbesondere Menschen auf der einen und Tiere auf der anderen Seite. Dabei spielt für ihn die Spezies Mensch an sich keine Sonderrolle, es sind für Peter Singer andere Kriterien, die in seinen moralischen Modellen und Ansichten von Bedeutung sind.