Zerstreut im Alltag?
Vielleicht kennen Sie diesen Zustand auch? Sie fahren auf einer Autobahn und werden ganz plötzlich „wach“ – wie aus einer tiefen Trance, einem Art Schlaf mit offenen Augen. Sie wissen weder, wie die letzten 15 Minuten abgelaufen sind, noch, wie Sie unfallfrei bis dorthin gekommen sind. Und es wäre auch kein Wunder, wenn Sie die Ausfahrt verpasst hätten. Sie waren für einen Moment nicht von dieser Welt. Völlig weggetreten und geistig ganz woanders als Ihr Körper unterwegs. Das kann Ihnen auch passieren, wenn Sie ein Buch lesen und Sie am Schluss das Gefühl haben, Sie haben keine Erinnerung an das, was auf der Seite steht, die Sie gerade gelesen haben.
Diese Momente auf Autopilot hat die Harvard-Professorin Ellen Langer als Zustände ohne Bewusstheit beschrieben. Momente, in denen Sie so in Ihren Gedanken verloren sind, dass Sie nicht mehr realisieren, was um Sie herum geschieht. Ein Ergebnis dieses abwesenden Zustands ist, dass Sie das Gefühl haben, das Leben geht irgendwie an Ihnen vorbei. Der beste Weg, diese Aussetzer zu vermeiden, liegt – so Langer – darin, eine Art Ritual zu entwickeln. Ein Ritual, das Ihnen hilft, neue Dinge, Menschen oder Situationen bewusst zur Kenntnis zu nehmen. Dieser Prozess verbindet Sie mit der Gegenwart und zieht eine ganze Kaskade anderer Vorteile nach sich. Neue Dinge wahrzunehmen heißt auch, verstärkt das Hier und Jetzt wahrzunehmen.
Wir geraten in diesen unbewussten Zustand, erklärt Professor Langer, wenn wir meinen, uns gut auszukennen. Wir widmen einer Sache, einem Moment oder einer Situation dann keine Aufmerksamkeit mehr. Wir rasen über die Autobahn, weil wir seit Jahren über die Autobahn rasen, wenn wir zu spät auf dem Weg zur Arbeit sind.
Wenn wir aber versuchen, die Welt mit frischen Augen zu betrachten, indem wir zum Beispiel das Tageslicht auf den Häusern, die Gesichter der Menschen und die Gefühle, die wir empfinden, wahrnehmen, ist unser Weg zur Arbeit jeden Tag neu und jeden Tag anders. Dieser Zustand wird gerne umschrieben mit dem Begriff, die „Wahrnehmung eines Anfängers – oder Neulings – einzunehmen“.
Indem wir neue Dinge bewusster wahrnehmen, so Langer, nehmen wir auch wahr, dass die Welt sich stetig verändert. In den Momenten, in denen wir scheinbar bekannte Dinge nicht mehr als selbstverständlich abtun, wird wieder alles zum Abenteuer. Alles wird neu und aufregend. Und je aufregender es wird, desto mehr werden Sie entdecken und wahrnehmen.
Nehmen Sie wahr, dass Ihre Gedanken wandern, und kehren Sie wieder ins Hier und Jetzt zurück. Wie? Ganz einfach, indem Sie wie ein Mantra das Wort „Jetzt, jetzt, jetzt“ wiederholen.
Bewusstheit ist kein Ziel, das es zu erreichen gilt. Denn Ziele richten sich auf einen Moment in der Zukunft. Aber Bewusstheit findet in der Gegenwart statt, im Hier und Jetzt. Und während Sie diese Worte lesen, während Sie die Schwerkraft unseres Planeten spüren und Ihre Augen den Zeilen folgen, werden Sie sich bewusst. Bewusst, dass Sie leben. Und atmen. Während Sie den nächsten Atemzug einatmen, achten Sie auf die Bewegung Ihres Bauches und auf Ihre Nasenflügel, während Sie ausatmen. Bleiben Sie bei dem, was Sie jetzt in diesem Moment fühlen. Sie LEBEN diesen einen Moment.
Es muss nichts weiter geschehen. Es ist keine Reise, kein Ziel, auf das Sie zusteuern. Das IST es. Denn Sie sind schon da.
„Wer nach außen sieht, träumt, wer nach innen schaut, wacht.“
C.G. Jung
