Wie wollen Sie wirklich leben?
Viele würden meinen Freund Jochen als ein Paradebeispiel für Erfolg beschreiben. Er ist topfit, hat eine liebenswerte Familie, einen supergut bezahlten Job, Einfluss und genießt großes Ansehen.
Aber seine Stimmung letzte Woche war ungefähr so dunkel wie eine mondlose Nacht.
„Jeden Tag zur gleichen Zeit stehe ich auf, trinke aus der gleichen Tasse meinen Kaffee, nehme den gleichen Weg zur Arbeit wie immer und treffe die gleichen Geschäftsfreunde wie am Tag zuvor. Mein Leben fühlt sich an, als stünde es auf Autopilot. Jeden Monat – jedes Jahr – eins fließt ins andere. Und ich hake nur noch ab.“
Ich kenne Menschen, die Jürgen gerne mal sagen würden, wie dankbar er für sein Leben ohne Sorgen sein kann. Und bei Lichte betrachtet ist ja auch nichts falsch an dem Leben, das er führt. Bis auf die Kleinigkeit, dass er nicht mehr das Gefühl hat, es wirklich zu (er-)leben.
Zweifellos geht es vielen anderen genauso wie Jochen. Gefangen in der Routine und dem Stumpfsinn des Alltags, fühlen sie sich selbst nicht mehr.
Schon vor mehr als 150 Jahren beschrieb Henry David Thoreau (1817–1862, US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph, Anhänger des amerikanischen Transzendentalismus) diesen Zustand mit ähnlichen Worten.
Thoreau vertrat die Meinung, dass wir mit dem Älterwerden in eine Art Routine gleiten, die uns stetig und unaufhaltsam unser eigenes Grab schaufeln lässt. Von den Anforderungen des Alltags in die Knie gezwungen, verlieren wir das Gefühl zu leben. Die meisten Menschen, so Thoreau, leben in einer Art stillen Verzweiflung.
Thoreau vertrat die Auffassung, dass persönlicher Frieden und Zufriedenheit nur im Erleben und im Einklang mit der Natur gefunden werden können. Nur dort lassen sich Wahrheit und die Geheimnisse des Lebens finden.
Für die Vertreter des amerikanischen Transzendentalismus, deren Gedanken über den zivilen Ungehorsam später als Inspirationsquelle für Mahatma Gandhi und Martin Luther King dienten, ist die Natur der Schlüssel zu spirituellem Erleben.
Thoreau fordert immer wieder dazu auf, nach den universellen Regeln des Lebens zu leben. Das bedeutet auch, die Vorfahren und ihr Wissen und ihre Weisheit zu achten, zu studieren und nach deren Erkenntnissen zu leben.
Ein erfolgreiches Leben ist ein Leben, das auf Einfachheit fußt, auf Unabhängigkeit und Großherzigkeit.
Thoreau heute zu lesen birgt eine große Gefahr in sich: zu entdecken, was unser modernes Leben in uns zerstört und unterdrückt. Denn Thoreau fordert uns auch heraus, uns selbst einzuschätzen, über unser Leben nachzudenken und uns offen und ehrlich zu fragen: „Wie will ich wirklich leben?“
Und Thoreau erinnert uns auch daran, dass das Leben ein wunderbares, einzigartiges Geschenk ist. Die ganze Welt liegt vor uns und will von uns entdeckt und er-lebt werden.
Er erinnert uns daran, dass wir nur ein einziges Mal auf dieser Welt sind. Und dass das Leben ein einziges Fest sein sollte.
