Können alte Werte und Tugenden tatsächlich einfach verschwinden?

Keine Sorge, das wird kein erhobener Zeigefinger oder ein lautes Lamento über die Charakterlosigkeit des Zeitgeistes. Im Gegenteil. Es ist mehr die stille Suche nach alten Tugenden und Werten, die es einmal gegeben hat. Und die es auch heute noch gibt – die Frage ist nur: Wo genau? Und warum verstecken sie sich? Haben sie Angst, verlacht zu werden? Oder sogar Sorge, dass kaum noch einer weiß, wie genau sie heißen? Wie sie sich anfühlen, und wer sie sind?

Vielleicht würde es einem Dinosaurier, der aus einer unentdeckten Höhle kröche, genauso gehen: Wir hätten keinen Namen mehr für ihn. Er wäre uns fremd, und für ihn wäre die Welt fremd geworden. Die Dinosaurier, denen ich auf der Spur bin seit ein paar Tagen, heißen Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit, Treue, Stabilität und Kompromissbereitschaft.

Diese alten – oder sollte ich sagen veralteten – Worte können auf eine Ehe ebenso zutreffen wie auf die Arbeitsstelle, den Freundeskreis oder die Familie. Und jeder, der die Kehrseite dieser veralteten Werte kennengelernt hat und die Seelenlosigkeit, die ein Leben ohne diese Dinosaurier mit sich bringt, sehnt sich danach. Sich auf einen Partner, eine Arbeit, sein Leben und seine Freunde verlassen zu können. Zu erleben, wie eine verbindliche Zusage trägt – auch durch schwere Zeiten. Wie Treue das Herz leicht und den Geist beschwingt macht und Kompromissbereitschaft eine Ausdrucksform gelebter Liebe sein kann.

Alles ist so leicht auszutauschen: Der Partner wird älter, passt nicht mehr, und ein neuer, frischer Lebensabschnittsgefährte rückt nach. Unternehmen geraten durch Misswirtschaft in Schieflage und die, die dafür bezahlen müssen, sind die Mitarbeiter, die Reihenweise in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Es mag sein, dass diese scheinbaren Lösungen kurzfristig zumindest immer für einen der Betroffenen ein gutes Gefühl wecken. Aber der Katzenjammer kommt. Das ist sicher.

Verbindlich bleiben, auch wenn Zeiten einer Ehe oder eines Arbeitsverhältnisses glanzlos sind, ermüdend oder schwierig. Das ist die Kunst und die Weisheit der alten Dinosaurier. Es mag sein, dass die wirklich alle ausgestorben sind. Aber bei den alten Werten habe ich Hoffnung. Und wenn Sie auch nur ansatzweise einen solchen Wert bei einem anderen Menschen aus einem Versteck lugen sehen, dann erzählen Sie ihm die Geschichte vom guten Hirten. Machen Sie ihm Mut, dass da einer ist, der seine Schafe nicht im Stich lässt und sogar auf die aufpasst, die ihm nicht gehören.

Vielleicht hilft ihm das, neuen Mut zu schöpfen und das Wagnis einzugehen, den alten Werten einen zweiten Frühling zu bescheren.