Eine schrecklich nette Familie ...

Alte Schulfreunde scheinen das große Los im Leben gezogen zu haben ... Gesundheit, eine tolle Familie, ein schönes zu Hause, Geld ohne Ende ...

Ihr Problem? Ihre gerade volljährigen Kinder machen sie komplett verrückt.

Meine Schwester und ich verbrachten erst neulich ein Wochenende bei Ihnen.

„Es ist zum verrückt werden“ jammerte unsere Freundin, „Sie lernen nicht, sie bleiben Nächte lange auf und sind immerzu unterwegs. Wir wissen weder wo sie sich herumtreiben, noch mit wem sie gerade unterwegs sind. Und das sie ans Telefon gehen, wenn wir sie anrufen um zu erfahren, ob sie üebrhaupt noch leben, ist das natürlich uncool den Anruf entgegenzunehmen geschweige denn eine Nachricht für uns zu hinterlassen. Wir können nicht mehr!“

Die einzige Frage, die mir einfiel war: „Wer hat Ihnen die Telefone, Autos und das Geld dafür gegeben?“

„Ja wer schon,“ antwortete unsere Freundin sichtlich irritiert über diese Frage.

Je länger ich so darüber nachdenke, desto mehr Freunde und Bekannte fallen mir ein, die sich über die Faulheit, das Desinteresse, die Bequemlichkeit und die schlechten Manieren Ihrer Kinder beklagen. Die den Mangel an Respekt mit Traurigkeit sehen, die Motivationslosigkeit und die Sch...egal Stimmung allem und jedem gegenüber.

Was mich dabei immer ein wenig befremdet ist die eigene Bedeutungslosigkeit, wenn meine Freunde und Bekannte über Ihre Kinder schimpfen. Vielleicht würde es schon helfen weniger über das Versagen der Kinder und vielmehr über das eigene Versagen als Eltern nachzudenken?

Respekt muss man sich verdient und manchmal auch erkämpfen. Dazu gehört es auch, Nein zu sagen, wenn man Nein meint und zu sprechen, diskutieren und riskieren, nicht verstanden zu werden und kurzfristig sogar nicht mehr geliebt zu werden. Dazu gehört Mut. Auch der Mut sich gegen die  gängige Meinung zu stellen und von den Kindern zu fordern selbständig zu denken und zu handeln. Und ja, das kostet Kraft – und nein, es ist nicht der bequeme Weg.

Ob dann immer alles optimal läuftist, mag dahin gestellt bleiben. Aber Sie wissen, Sie haben ihr Bestes versucht. Und Sie müssen sich niemals bei anderen über ihre schrecklichen Kinder beschweren!

Ich weiß, das ist ein heikles Thema. Aber ein Thema, dass meiner Meinung nach dringend der Aufmerksamkeit bedarf. Nicht erst dann, wenn die süßen Kleinen zu Monstern herangereift sind.

Eine aktuelle Studie attestiert Eltern, dass Sie dreieinhalb Minuten Zeit am Tag für ernsthafte und nachhaltige Gespräche mit ihren Kindern verbringen. Dreieinhalb Minuten. Wow.

Kein Wunder also, dass es ernsthafte Überlegungen gibt, in den Grundschulen Benimm Kurse einzuführen. Ob das allerdings eine gute Idee ist, wage ich zu bezweifeln. Denn ich kenne mehr als einen Lehrer, dessen Tischmanieren selbst aufpoliert werden müssten.

Bleibt die Frage, die mir meine Freundin nach diesem Wochenende am Telefon stellte: „Ja worüber soll ich mit meinen Kindern denn sprechen?“

Wie wäre es mit Themen wie der Frage nach richtig und falsch im Leben? Danach wie man sich sozial verträglich verhält? Oder der simplen Idee mehr als den eigenen Teller vom Tisch zu räumen? Die Worte Bitte und Danke zu einer neuen Blüte zu führen? Rücksicht zu nehmen und weiter zu denken und zu fühlen als bis zur eigenen Nasenspitze? Wie ich finde, alles gute Themen – aber eben auch anstrengend und  möglicherweise ohne direkt messbares Ergebnis.

Wichtig ist doch nur eines: Das Kinder in jedem Alter wissen und sich fest darauf verlassen können, sie werden geliebt. Aber sie haben deswegen keine Narrenfreiheit.

Denn wenn Eltern Ihren Kindern nicht vermitteln können das jedes Tun aber auch jedes Nicht-Tun Konsequenzen hat, dann wird das Leben diesen Job übernehmen. Gründlicher, härter und kompromissloser, als Sie und ich das tun würden.

Der amerikanische Kolummnist G.Will hat das sehr anschaulich auf den Punkt gebracht: „Vor 60 Jahren war es der Job der Eltern Ihren Kindern die Werte ihrer Kultur beizubringen. Heute ist es der wichtigste Job von Eltern zu verhindern, dass Kinder die Werte der aktuellen Kultur übernehmen.“

Vielleicht ist es heute wirklich schwieriger Vater oder Mutter oder Eltern zu sein. Aber das bedeutet auf der anderen Seite nur, dass es auch wichtiger ist als jemals zuvor, diesen Job ernst zu nehmen. Denn Kinder bekommen vielleicht nicht alles mit was Sie sagen, aber sie beobachten mit Adleraugen, was Sie tun!

Eltern sein, bedeutet ebenso wie Kind sein, lebenslanges lernen. Denn niemand wird als Vater oder Mutter geboren und auch nicht dazu ausgebildet. Eltern sein bedeutet jeden Tag wieder den Mut zu haben, sich der schönsten, schwierigsten und anstrengendsten Aufgabe zu stellen, die das Leben zu bieten hat.