Die große Unstimmigkeit

Studien zeigen: Sieben von zehn Deutschen glauben an Gott. Fünf von zehn sagen, dass Gott für ihr Leben wichtig ist und vier von zehn beten täglich.

So weit lesen sich diese Zahlen ganz nett. Aber wenn man genauer nachfragt, enthüllt sich Erstaunliches:

Nicht einmal 20 % kennen die Namen der vier Evangelisten.
Die Mehrheit weiß den Namen des ersten Buches in der Bibel nicht.
Nur ein Drittel weiß, dass Jesus die Bergpredigt gesprochen hat.
Die meisten bringen Ostern und Auferstehung nicht zusammen.
Mehr als 60 % glauben, dass Jesus in Jerusalem geboren wurde.
Der gern zitierte Satz „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ steht nicht in der Bibel.




Angesichts solcher Befragungsergebnisse scheint die Bibel ein Millionen-Bestseller zu sein, den keiner liest.

Aber ohne ein Grundverständnis für Religion, wie sollen wir da die Geschichte verstehen? Wie sollen wir aktuelle Bezüge herstellen? Wie sollen wir Konfliktherde in der Welt einsortieren und wie die Probleme fremder Länder bewerten? Wie eine Meinung zur Stammzellenforschung entwickeln? Wie sollten wir über Organspende diskutieren und über den Wert des Lebens, wenn wir keine gemeinsamen Werte mehr haben, die über Jahrhunderte vor allem im Wissen und der Weisheit der Bibel gefußt haben?

Sogar für die Klassiker in der Malerei, der Musik und der Literatur ist ein Grundverständnis der Religionen maßgeblich. Wie sonst sollen wir die religiösen Aussagen der Werke und die spirituellen Impulse der Künstler verstehen?

Wie können wir uns auf internationalem Parkett bewegen, ohne etwas über die Grundaussagen der anderen Kulturen und ihrer Religionen und Weltanschauungen zu wissen. Viele Menschen können nicht mal zwei weitere große Weltreligionen benennen.

Geschweige denn etwas zu den fünf Säulen des Islam oder den vier edlen Wahrheiten des Buddhismus sagen.

Scheinbar ist es möglich, religiöse Gefühle zu haben und sich danach zu sehnen, diese Gefühle zu leben. Und gleichzeitig die eigenen religiösen Wurzeln vollständig zu vernachlässigen. Glaube losgelöst von jedem Inhalt funktioniert aber nicht. Gibt es für dieses Problem eine Lösung?

Ich finde ja, und das Zauberwort heißt Bekenntnis. Denn nur das lebendige Bekenntnis zum Glauben kann andere Menschen neugierig machen. Nur gelebter Glaube, der im Wissen auf die Weisheit der Bibel ansteckend wirkt, ist überzeugend. Alles andere sind leere Worthülsen und eine Art schulische Erziehung ohne Herz.

So wie Karen Armstrong es ausdrückte in einer Ansprache, die sie anlässlich einer Preisverleihung hielt.

In dieser Rede sagt die ehemalige Ordensschwester, dass Religion nichts damit zu tun habe, dass wir an bestimmte Dinge glauben. Sondern damit, dass wir uns anders verhalten. Und dass religiöse Doktrinen eine Aufforderung seien zu handeln, denn erst, wenn wir sie in die Tat umsetzen, könnten wir ihre tiefgreifende Bedeutung verstehen.

Das sehe ich ganz genauso und ich bin überzeugt: Es geht nicht darum, den richtigen religiösen Standpunkt zu vertreten. Oder überhaupt einen religiösen Standpunkt zu vertreten. Es geht darum, bewusst zu leben, zu handeln und mitfühlend in dieser Welt unterwegs zu sein. Mit anderen Menschen ebenso wie mit uns selbst.

Und nicht zuletzt könnten wir selbst mal wieder zum Buch der Bücher greifen und uns tief hineinversenken in das Wesen dessen, was die Grundlage für die Werte unserer Gesellschaft ist. Ganz bestimmt ein guter Anfang.