Es gibt Dinge, die finden Sie nicht bei Google ...

Es ist noch gar nicht so lange her, da traf ich mich mit einem alten Studienkollegen zum Mittagessen. Und ich kann nicht gerade behaupten, dass es ein Vergnügen war.

Alle fünf Minuten zog er sein iPhone aus der Tasche und blätterte seine E-Mails durch. Einige schienen so dringend zu sein, dass eine Antwort keinen Aufschub duldete, und so murmelte er dann eine kurze Entschuldigung, um wie wild eine Antwort zu schreiben.

Dann ließ er das Gerät lautlos zurück in die Hosentasche gleiten, während er versuchte, das Gespräch dort wieder aufzunehmen, wo das Vibrieren seines iPhones es unterbrochen hatte.

Keine fünf Minuten später wiederholte sich das ganze Spiel.

Das erinnerte mich an einen Film, den ich in einer Vorlesung mal gesehen hatte. Eine trainierte Ratte wurde so abgerichtet, dass sie jedes Mal beim Druck auf einen bestimmten Schalter in ihrem Käfig eine Belohnung erhielt. Dann wurde sie so dressiert, dass sie zweimal drücken musste. Dann dreimal. Dann fünfmal und zehnmal. Und schon bald war die Ratte so Knopfdruck-abhängig, dass ihr die Welt um sie herum völlig gleichgültig wurde.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen völlig ausgeschlossen ... wirklich völlig?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Das Internet ist eine wunderbare Erfindung. Und niemand weiß das mehr zu schätzen als die schreibende Gilde.

Vor zwanzig Jahren, als ich noch in einem Verlag als Assistentin des Verlagsleiters beschäftigt war, musste ich jeder Information hinter her telefonieren, laufen, betteln, fordern und das mehr als einmal.

Sobald die Informationen dann per Post oder Fax eintrafen, waren sie schon wieder veraltet. Und das Ganze ging von vorne los.

Das WWW hat das alles verändert.

Marktforschung, Recherche und Informationen, die früher tagelange Arbeit bedeuteten oder stundenlange Aufenthalte in der Bücherei der nächstgelegenen Universität, stehen Ihnen jetzt unbegrenzt und zu Hause an Ihrem Schreibtisch zur Verfügung.  

Informationen und Ideen, die sich früher irgendwo auf dem Globus versteckt hielten, sind heute nur einen Knopfdruck weit weg. Und Aber wenn Sie jetzt glauben, dass die Zeit, die wir bloggend, textend, postend und schreibend oder suchend im Internet verbringen, die Zeit verkürzt hätte, die wir vor dem Fernseher vergeuden, irren Sie sich gewaltig. Denn neben dem Internet verbringen wir ebenso viel Zeit wie zuvor vor dem Fernsehbildschirm. In einigen Ländern sogar mehr als vor der Zeit des WWW.

Wir sind eine Welt geworden, die der Technik und elektronischen Kommunikation verfallen ist.

Die Optimisten unter den Marktforschern betonen gerne, dass wir ja auch mehr lesen – am Bildschirm. Das ist gut. Aber die Studien zeigen auch, dass wir am Bildschirm lesen und uns dennoch nicht erinnern, was der Inhalt war.
Das Umfeld im Internet und bei unseren Online-Aktivitäten erzieht uns zu einem selektiven Lesen, häppchenweise. Leider färbt diese Art zu lesen auch auf unsere Art zu denken ab: Kinder denken zunehmend unzusammenhängend und unkonzentriert. Und sie werden immer ungeduldiger. Keine Zeit mehr, ein Buch in Ruhe zu genießen und sich geduldig Seite für Seite bis zum Schluss durchzuarbeiten.

Etwas wirklich mit Genuss zu lesen verändert auch unsere Wahrnehmung der Welt um uns herum. Es stärkt die Fähigkeit zu denken und bereichert unser Leben auch fernab aller alltäglichen Dinge.   

Etwas wirklich aufzunehmen und zu lesen erfordert Muße und Zeit. Und die Bereitschaft, sich einzulassen. Die Fähigkeit hinzuhören und es kultiviert und erzieht Geist und Seele.

Aber anstatt uns darauf einzulassen und abzutauchen, sind wir im Netz. Auch wenn gerade unser Computer nicht verfügbar ist oder wir keinen Empfang auf dem Mobiltelefon haben – wir werden nervös, wenn wir nicht alle paar Minuten unsere Mails checken oder zumindest nachschauen können, was Google empfiehlt. Und warum? Weil wir uns VERBUNDEN fühlen wollen.

Und darum hat uns die Technik fest im Griff. Big Brother ist Realität geworden. Aber nicht, weil uns unsere Computer nicht freigeben, sondern weil wir sie nicht loslassen können!

Auch ich mache da keine Ausnahme. Ich arbeite online. Mein Internet-Zugang ist mein Reisebüro, meine Buchhaltung, mein Terminkalender und meine Tageszeitung.

Aber ich habe auch keine Angst davor, mich auszuklinken und NICHT verbunden zu sein. Mein Mobiltelefon ist dann lautlos oder ausgeschaltet. Mein Laptop bleibt zu Hause. Meine E-Mails bleiben ungelesen, und auch wenn viele Kollegen denken, ich sei ein Dinosaurier mit dieser Einstellung – ich finde es großartig.

Mir scheint es so, als ginge eine große Angst um, aus dem System zu fallen. Wir fürchten uns davor, wenn wir aufhören E-Mails zu schreiben, zu surfen, in Foren zu chatten oder zu posten, von dieser Welt zu verschwinden.

Wo bleibt die Freiheit zu wählen und uns zu entscheiden? Sie können offline gehen und sich etwas – oder jemandem – widmen.

Wagen Sie die Revolution! Schalten Sie den Rechner aus. Und das iPhone. Gehen Sie raus!

Psychologische Studien belegen, dass es Ihr  Gedächtnis verbessert, Ihre Wahrnehmung schärft und Ihr Bewusstsein schult, wenn Sie sich in die Natur begeben.

Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil es normal ist ... oder entspannend ... oder ein Teil unserer DNA. Abgesehen von alledem ist es großartig, sich verbunden zu fühlen mit dem, was Sie da draußen umgibt, und sich eins zu fühlen mit der Schöpfung.