Die Schwierigkeit mit dem Glück
Die Deutschen sind so glücklich wie schon lange nicht mehr. Das ist schön. Vielleicht haben ja die vielen Bücher, die die „Abkürzung zum Glück“ kennen oder die vielen selbsternannten Gurus endlich Wirkung gezeigt.
Der Markt wächst, blüht und gedeiht – eigentlich unverständlich, wenn schon 85 % aller Befragten glücklich sind. Aber vielleicht wollen sie ja noch glücklicher werden?
Denn das scheint der allgemeine Glaube zu sein, die treibende Kraft aller positiv Denker: Wenn ich es nur intensiv genug versuche, dann erreiche ich mehr Glücksgefühle.
Dumm ist nur, dass Glück so nicht funktioniert ...
Glück ist ein Nebenprodukt. Es geschieht während wir einen anderen Menschen glücklich machen. Es übermannt uns ohne Vorwarnung und oft ohne erkennbaren Grund. Denn eines ist sicher: Wenn wir als aktive Glücksjäger unterwegs sind, ist das der sichere Weg ins Unglück zu rennen.
Schauen Sie sich doch mal um. Überall dort, wo Sie wirtschaftlichen Misserfolg sehen, ist die Quelle allen Unglücks der ungezähmte Drang schneller, weiter, größer, teurer, luxuriöser, grenzenloser und fantastischer unterwegs zu sein als alle anderen. Der Drang nach mehr Konsum und mehr Luxus bedeutet in meinem Augen nur eines: immer weiter Weg zu rücken von der Fähigkeit sich zu bescheiden und zufrieden zu sein.
Die Stoiker betrachten das Glück als eine Ergebnis von Mut und Weisheit – nicht aber als Folge von Einfluss und Macht. Und Phytagoras, der große Philosoph und Mathematiker aus dem 600 Jahrhundert vor Christus gab seinen Gefährten als Tipp für mehr Glück mit auf den Weg, sich jeden abend vor dem zu Bett gehen drei Fragen zu stellen:
1. Was habe ich erreicht heute?
2. Wo habe ich versagt?
3. Welcher Verantwortung habe ich mich entzogen?
Wer sein ganzes Leben mit der Jagd nach dem Glück und dann wiederum mit der Jagd nach noch mehr Glück vergeudet erreicht im Wesentlichen genau zwei Dinge. Zum einen wird er blind gegenüber echten Problemen und Herausforderungen und zum anderen wird er unsensibel gegenüber den Gefühlen und den Bedürfnissen anderer Menschen.
So alles in allem betrachtet findet unser Leben aber nicht auf einem Dauerhoch statt sondern es bewegt sich zwischen den Polen extremer Freude und extremer Trauer.
Lachen und Lieben sind ein Teil des Ganzen. Ebenso wie Schmerz und Leid. Diese Aspekte des Lebens zu leugnen bedeutet einen wichtigen Teil des Menschseins auszublenden, nicht zu zu lassen und nicht zu leben.
Denn es gibt keine Freude ohne das Gefühl der Traurigkeit. Keinen Sonnenaufgang ohne die Nacht zuvor. Phasen der Melancholie sind normal und sie sind wertvoll. Wie wollen wir unsere Freude messen, wenn wir keinen Vergleich haben zu den Momenten, in denen wir ganz tief unten sind?
Zufriedenheit dämpft unserer Motivation während Unzufriedenheit der Motor ist, der uns in Bewegung hält. Stellen Sie sich vor, welche Dinge es in unserem Leben nicht gäbe, wenn wir uns mit Pferdekarren und den Kohlen im Kamin zufrieden gegeben hätten?
Viele Menschen versuchen heute ihr Glück mit Geld auszugleichen. Aber Glück ist unabhängig vom Einkommen. Es ist viel mehr eine Kombination aus Gesundheit, den allgemeinen Lebensumständen und der Fähigkeit mit Dingen fertig zu werden.
Glück ist auch ein Ergebnis dessen, das unsere Erwartungen erfüllt werden und wir optimistisch in die Zukunft blicken können. Wenn wir unsere Fähigkeiten entwickeln und anderen Menschen helfen können, ihre ebenfalls zu entfalten. Kurz gesagt: Wie sind dann am glücklichsten, wenn nicht das Glück als Selbstzweck unser Ziel ist.
Eines der Rezepte für Glück, das heutzutage besonders hoch im Kurs steht, ist die Idee, dass man Traurigkeit damit vertreibt sich „gut um sich selbst zu kümmern“. Aber dieser Ansatz geht garantiert genau in die falsche Richtung.
Denn die glücklichsten Menschen sind die, deren normale, tägliche Lebensumstände darin bestehen arbeitssam zu sein und sich nicht mehr nur mit sich selbst zu beschäftigen.
Das bedeutet nicht, die eigenen Interessen denen aller anderen Menschen unterzuordnen. Es bedeutet aber sehr wohl nicht nur mit der Frage beschäftigt zu sein: „Was brauche ich heute um glücklich zu sein?“.
Denn das Leben besteht auch aus Lernen, Arbeit, Ehre, Empathie, Widerstand und der Fähigkeit diesen Widerstand zu überwinden. Wirkliche Zufriedenheit und echtes Glück bestehen darin das Leben an und für sich zu lieben und sich als Teil eines großen, bedeutungsvollen Ganzen zu sehen und wahrzunehmen. Das führt auf direktem Wege zum Gefühl von Dankbarkeit. Und Dankbarkeit ist eine unabdingbare Voraussetzung für Glück.
